Lebensversicherung kündigen? Was Sie vorher wissen sollten
Nicht vorschnell kündigen
Millionen Deutsche zahlen in Kapitallebensversicherungen ein, die sich kaum rentieren. Trotzdem ist eine sofortige Kündigung oft der schlechteste Weg. In vielen Fällen gibt es bessere Alternativen, die Ihnen weniger Geld kosten.
Das Problem: Lebensversicherungen rentieren sich kaum noch
Die klassische Kapitallebensversicherung galt jahrzehntelang als Standardprodukt für die Altersvorsorge. Der Garantiezins lag bei Verträgen aus den 1990ern bei bis zu 4 %. Heute bieten Neuverträge nur noch 0,25 % – kaum mehr als ein Girokonto.
Gleichzeitig fressen hohe Kosten die Rendite auf: Abschlussprovisionen (oft 4–5 % der Beitragssumme), Verwaltungskosten (0,5–1,5 % pro Jahr) und Risikokosten. Nach Abzug aller Kosten bleibt bei vielen Verträgen real (nach Inflation) eine negative Rendite.
Der Rückkaufswert: Was Sie tatsächlich zurückbekommen
Bei Kündigung erhalten Sie den sogenannten Rückkaufswert. Dieser liegt insbesondere in den ersten Jahren oft weit unter den eingezahlten Beiträgen:
| Vertragsdauer | Typischer Rückkaufswert* |
|---|---|
| Nach 5 Jahren | 20–40 % der Einzahlungen |
| Nach 10 Jahren | 50–70 % der Einzahlungen |
| Nach 20 Jahren | 80–95 % der Einzahlungen |
| Nach 30 Jahren | 95–110 % der Einzahlungen |
* Richtwerte für klassische Kapitallebensversicherungen. Stark abhängig vom Anbieter und Tarif.
Wann eine Kündigung Sinn macht
- Hohe laufende Kosten: Wenn die Verwaltungskosten die Rendite komplett auffressen und Sie noch viele Jahre bis zur Auszahlung haben
- Dringende Schulden: Wenn Sie hochverzinsliche Konsumschulden haben (Dispo, Kreditkarte), deren Zinsen über der LV-Rendite liegen
- Vertrag aus jüngster Vergangenheit: Bei Verträgen mit niedrigem Garantiezins (unter 1,25 %) und noch kurzer Laufzeit
- Bessere Alternativen: Wenn Sie die freiwerdenden Beiträge nachweislich besser anlegen können (z.B. ETF-Sparplan)
Die besseren Alternativen zur Kündigung
1. Beitragsfrei stellen
Sie stoppen die Beitragszahlung, der Vertrag läuft aber weiter. Die Versicherungssumme wird auf den aktuellen Stand reduziert. Vorteile: Kein Verlust durch niedrigen Rückkaufswert, Steuerprivileg bleibt erhalten, Todesfallschutz (reduziert) bleibt bestehen.
2. Lebensversicherung verkaufen
Spezialisierte Aufkäufer zahlen in der Regel 2–5 % mehr als den Rückkaufswert. Bei hohen Rückkaufswerten können das schnell 1.000–5.000 € Mehrerlös bedeuten. Besonders lohnend bei Altverträgen mit hohem Garantiezins.
3. Policendarlehen aufnehmen
Viele Versicherer bieten Darlehen gegen die Lebensversicherung als Sicherheit an. Sie erhalten Liquidität, ohne den Vertrag kündigen zu müssen. Die Zinsen liegen oft bei 3–5 % – deutlich günstiger als ein Dispo.
4. Widerspruch bei Altverträgen
Verträge, die zwischen 1994 und 2007 im Policenmodell abgeschlossen wurden, können unter Umständen rückabgewickelt werden. Bei fehlerhafter Widerspruchsbelehrung haben Sie ein ewiges Widerspruchsrecht und erhalten alle Beiträge plus Zinsen zurück (BGH, Az. IV ZR 76/11).
Praxis-Tipp: Widerspruch prüfen lassen
Lassen Sie Ihren Altvertrag kostenlos von einer Verbraucherzentrale prüfen. Wenn die Widerspruchsbelehrung fehlerhaft war, können Sie deutlich mehr Geld zurückerhalten als bei einer normalen Kündigung.
Steuerliche Auswirkungen der Kündigung
Die Besteuerung hängt vom Abschlussdatum ab:
| Abschlussdatum | Besteuerung bei Kündigung |
|---|---|
| Vor 2005 | Steuerfrei, wenn Laufzeit ≥ 12 Jahre und mind. 5 Jahre Beiträge gezahlt |
| Ab 2005 | Erträge unterliegen der Abgeltungssteuer (25 % + Soli + ggf. KiSt) |
| Ab 2005, Laufzeit ≥ 12 J., Auszahlung ab 62 | Nur 50 % der Erträge steuerpflichtig (Halbeinkünfteverfahren) |
Altverträge vor 2005 nicht leichtfertig kündigen
Verträge vor 2005 mit hohem Garantiezins (bis 4 %) und Steuerfreiheit sind echte Schätze. Vor der Kündigung unbedingt durchrechnen, ob die verbleibende garantierte Rendite plus Steuerfreiheit nicht wertvoller ist als die Alternative.
Schritt für Schritt: Die richtige Entscheidung treffen
- Standmitteilung anfordern: aktueller Rückkaufswert, garantierte Ablaufleistung, Kostenquote
- Abschlussjahr und Garantiezins prüfen (steht im Vertrag)
- Steuersituation klären: Ist der Vertrag steuerfrei?
- Alternativen durchrechnen: Was bringt Beitragsfreistellung? Was bringt ein Verkauf?
- Unabhängige Beratung einholen (Verbraucherzentrale, Honorarberater)
- Erst dann entscheiden – und ggf. handeln